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Von der Oder aus am nördlichen Rand der Neumark entlang (Mai/Juli 2007)

Schon auf "unserem" Oderufer zeigt sich das typisch deutsche Sommerwetter wieder einmal von seiner besten Seite. Kühl, windig, stark bewölkt, mit ein paar Regentropfen dazwischen. Will man fotografieren, sehen die Häuser oder Bäume vor dem grauen Himmel, der trotz allem nämlich blenden kann, schnell recht dunkel aus.
Der Ausgangspunkt liegt am nördlichen Ende des Oderbruchs, in Alt Cüstrinchen (Stary Kostrzynek) auf der neumärkischen Seite. Wenn das Tal der Oder nun gleich verlassen wird, bleiben die nach Kriegsende schlicht wiederhergestellte Kirche und auch die Oderbruch- Häuser aus Fachwerk in der Niederung zurück.
Alt Cüstrinchen (Stary Kostrzynek)
Alt Cüstrinchen (Stary Kostrzynek):
Am neumärkischen Ostrand des Oderbruchs
Kurz vor Zehden (Cedynia ) säumen alsbald für den Norden beachtliche Höhen den rechten Straßenrand. Die Zehdener Heide ist ein kleines Naturschutzgebiet. So steil und trocken erheben sich hier die eiszeitlichen Sandwälle, dass auch die heutigen Regentropfen schnell wieder verdunsten oder versickern und sich Steppenvegetation auf den Hängen, wo auch die Kiefern keinen Halt mehr finden, ausbreiten konnte.
Die Zehdener Heide
Die Zehdener Heide bei Zehden (Cedynia)

Bereits in Zehden steigt das Gelände nun endgültig an und erreicht bald eine sanft auf und ab dahinrollende Hochfläche, wie sie Reisende in weiten Teilen der Neumark begleitet. Einge-bettet in den ersten Stoppelfeldern und umgepflügten sandigen Äckern liegen die Sölle mit einem kleinen Tümpel oder schilfumsäumten Wasserloch darin.
In der westlichen Neumark bei Wrechow
In der westlichen Neumark bei Wrechow
(Orzechów)

Zwischen ihnen verläuft die asphaltierte Straße nach dem Dorfpaar Groß und Klein Mantel (Mętno Wielkie/Małe), dessen beide Teile durch eine alte Straße aus Kopfsteinpflaster mit Sommerweg, unter den bedächtig rauschenden Baumkronen von alten Linden, miteinander verbunden sind. Fern fühlt man sich hier schon der lärmenden, ruhelosen Stadt. Die Kirche in Groß Mantel aus Granitquadern entstammt der frühen Gotik; Klein Mantel besitzt eine im späten Mittelalter errichtete Feldsteinkapelle.
Am Feldrand bei Mantel
Am Feldrand bei Mantel (Mętno)

Nun führt die Straße über eine Bergkuppe nach Königsberg (Chojna) hinein. Der Name Königsberg kam und kommt häufiger vor, deswegen erhielt das hiesige Königsberg den Zusatz "in der Neumark", um nicht etwa mit der einstigen ostpreußischen Hauptstadt (nunmehr Kaliningrad) verwechselt zu werden. Königsberg/Nm. wird für heute die letzte Stadt sein, der man, wie fast überall in der weiteren Region links und rechts der Oder, die schlimmen Kämpfe der letzten Kriegswochen ansieht.
Alte Pflasterstraße zwischen Groß und Klein Mantel
Alte Pflasterstraße zwischen Groß
und Klein Mantel (Mętno)

Wie durch ein Wunder blieben die weiteren Orte zwischen Neudamm (Dębno), Arnswalde (Choszczno) und Pyritz (Pryzyce; Pommern) - letztere beiden selbst jedoch nicht - großenteils verschont. Eigentlich war auch Königsberg nicht zerstört, aber offenbar nach der Eroberung durch die Rote Armee niedergebrannt.
Königsberg/Nm. Die von Hinrich Brunsberg gestaltete Marienkirche
Königsberg/Nm. (Chojna):
Die von Hinrich Brunsberg gestaltete
Marienkirche

Im Osten der Landstadt findet man noch einige bemerkenswerte Villen und öffentliche Gebäude, aber im Zentrum begleiten einen gedrungene Neubaublocks oder einfach Leere, weil die üblichen märkischen Fachwerkhäuser ein Opfer der Flammen wurden. Einsam stehen die Zeugnisse einer großen baulichen Vergangenheit da. Normalerweise kann man von einem Markt nicht gleichzeitig zu mehreren Stadttoren blicken.
Totentür
Königsberg (Chojna): "Totentür"
an der Marienkirche

Schon vor der Einfahrt durch das Schwedter Tor passiere ich die Ruine der Hospitalkapelle. Solche Einrichtungen legte man im Mittelalter fast immer außerhalb der Stadtmauern an. Die hiesige Mauer, am anderen Ende steht das Bernickower Tor, ist hier teils gut erhalten und noch mit einigen Weichhäusern bestückt.
In Königsberg hat der spätgotische Backstein-Meister Hinrich Brunsberg, der, aus dem Ordensland an der Weichsel gebürtig, zwischen Posen (Poznań), Ostsee und Elbe künstlerisch tätig war, gleich zwei Zeugnisse seines Schaffens hinterlassen. Hier steht neben Tangermünde das zweite Beispiel eines Rathauses von Brunsberg. Die krabbenbesetzten Wimperge, die Formsteinfriese und die zierlichen Backsteinrosen an den Schaugiebeln, die feingliedrigen Fialpfeiler tragen seine Handschrift.
Königsberg/Nm. (Chojna): Schaugiebel des Rathauses
Königsberg/Nm. (Chojna): Schaugiebel
des Rathauses

Daneben steht die hoch aufragende Marienkirche, deren äußerer Schmuck, ganz Brunsberg-typisch, dem Betrachter vertraut erscheint, wenn dieser schon die Katharinenkirche in Brandenburg/Havel oder die Marienkirche im nicht allzu fernen Stargard i. Pom. (Stargard Szczeciński) gesehen hat. Beide Kunstwerke, Kirche wie Rathaus, sind nach 1945 von polnischen Restauratoren und auch unter deutscher Beteiligung mühsam wie qualitätvoll wieder errichtet worden. Etwas abseits, den Hang hinunter, steht noch die reizvolle Anlage des Augustinerklosters an der Mauer, jenseits derer sich früher die Wallgärten in der feuchten, fruchtbaren Aue des Flüsschens Röhrike (Rurzyca) anschlossen.
Königsberg/Nm. (Chojna): Blick in die Klosterstraße
Königsberg/Nm. (Chojna):
Blick in die Klosterstraße
Ich habe Königsberg noch gar nicht richtig verlassen, da ist schon das eingemeindete Dorf Bernickow (Barnkowo) erreicht. Auch dessen Kirche hat einen Ostgiebel aus Backsteinen, der, vielleicht unter dem Einfluss der Bauten in der nahen Stadt, durch ansehnliche Blenden gegliedert ist.
Die Landschaft, einst der Nordosten Brandenburgs, geht nun entlang der alten Provinzgrenze unbemerkt ins Pommersche über.
Steinwehr
Steinwehr (Kamienny Jaz):
Einst Pommerns tiefer Süden

Ein Umweg von der Straße herunter nach Norden führt auf Pflaster zwischen Wald und Feldern bald nach Steinwehr (Kamienny Jaz) hinein. Ganz abgelegen ist es hier, und nichts deutet darauf hin, dass das verschlafene Dorf früher einmal das südlichste von ganz Pommern war. In der Nähe liegt Rörchen (Rurka), wo eine granitene Templerkapelle am Dorfrand steht.
Wildenbruch
Wildenbruch (Swobnica),
an der Dorfstraße

In deutscher Zeit als Brennerei verunstaltet, ist man nun dabei, die bauliche Verschandelung des kleinen Gotteshauses behutsam wieder zu beheben. Weiter führt die schmale Straße durch Jädersdorf (Strzelczyn), Thänsdorf (Grzybno) und einen üppigen Laubwald auf Wildenbruch (Swobnica) zu. Es gehörte früher zum Kreis Greifenhagen (Gryfino); bei Potsdam gibt es noch ein weiteres Wildenbruch.
Wildenbruch
Wildenbruch (Swobnica):
Der Bergfried ist noch zu sehen

An einer Straßengabelung hängt ein windschiefes Schild aus Spanplatte am Baum, das neben "Do zamku" auch mit "Zum Schloss" beschrieben ist. Allerdings braucht es schon wirkliche Ortskenntnis oder aber Hartnäckigkeit, um bis zu dem verwilderten, zugewachsenen und verfallenen Gemäuer vorzudringen. Zwischen Baumwipfeln lugt der backsteinerne Bergfried hervor, der in längst vergangener Zeit zur Kommende der Templer und dann der Johanniter gehörte. Diese beiden Orden haben rechts der Oder an mehreren Stellen ihre Spuren hinterlassen.
In den Feldern bei Wildenbruch
In den Feldern bei Wildenbruch
(Swobnica)

Immer wieder wird die stille Straße, durch Stresow (Strzeszów) und nun zurück ins alte Brandenburg, von kleinen Getreidefeldern und verwunschenen, gebüschumrandeten Teichen begleitet.
Bad Schönfließ
Bad Schönfließ (Trzcińsko-Zdrój):
Am Soldiner Tor

In diesem entlegenen Rand zweier Provinzen träumt das Städtchen Bad Schönfließ (Trzcińsko Zdrój) vor sich hin. Erhalten sind neben größtenteils originalen märkischen Straßenzügen das Rathaus, die Kirche sowie auch das Soldiner und Königsberger Tor.

Bad Schönfließ
Bad Schönfließ (Trzcińsko-Zdrój):
Rathaus am Markt

Viel los ist in den Orten hier freilich nicht; aber wer um die Zerstörung nur ein paar Kilometer weiter, und das dann auch fast flächendeckend, weiß, schätzt jede vollkommene alte Häuserzeile und jedes bewahrte Stadt- oder Dorfbild, das in die Vergangenheit blicken lässt.
Bad Schönfließ
Bad Schönfließ (Trzcińsko-Zdrój):
Stadtkirche

Ein Stück ist noch durch die geruhsame, gelegentlich von einem See bereicherte, neumärkische Landschaft zurückzulegen, dann liegt die einstige Kreisstadt Soldin (Myślibórz) vor mir. Auch hier, wenn natürlich mit teils kräftiger Patina, bleibt das Auge von Brachen, Baulücken und Spuren des Verlustes verschont. Ganze drei gotische Kapellen, eine davon fast mehr ein Bildstock, hat Soldin.
Bad Schönfließ
Bad Schönfließ (Trzcińsko-Zdrój):
In der Altstadt

Die Kirche diente im Mittelalter sogar einmal dem Bischof, weswegen man früher auch schon mal vom "Dom" sprach.
Am Markt zeigt das Rathaus noch jetzt die klare Formensprache des Rokoko in Brandenburg; daneben weitere Putzbauten oder neogotische Behördengebäude, oft noch mit den originalen weiß gestrichenen Fensterkreuzen. Soldin war eine märkische Stadt.
Soldin
Soldin (Myślibórz):
Marktplatz mit Rathaus

Ihr Mauerring schließt den Pulverturm, das Neuenburger und das Pyritzer Tor mit ein. Ordentlich ist das kleinteilige Steinpflaster auf vielen Straßen. Bis hierher kann man die Autos, die einem seit der Oder außerhalb der Städte begegnet sind, vielleicht manchentags an einer Hand abzählen. Ein kurzes Stück geht es nun auf der stark frequentierten Fernverkehrsstraße 3, die Niederschlesien mit der Ostsee verbindet, in großen Schritten auf Pommern und Stettin (Szczecin) zu.
Doch das letzte Ziel auf dieser Fahrt ist schon Lippehne (Lipiany), wo man nach Verlassen der Hauptstraße in der wiesen- und wasserreicher gewordenen Landschaft hineinrollt. Bevor die Ortsumgehung den Umweg abkürzte, stand und steht noch das Soldiner Tor kurioserweise im Nordosten von Lippehne, obwohl Soldin entgegengesetzt, im Südwesten, zu finden ist. So lange musste die Wegführung dort aus der Stadt hinaus, wo die Talsenke am besten zu durchqueren war, in Kauf genommen werden. Während das Soldiner Tor ein in den Gefilden der Mark Brandenburg gängiger Bau mit Blendengiebeln zwischen einem Satteldach ist, steht am anderen Ende, jenseits von Kirche, kleinem Markt und Rathaus, das Pyritzer Tor, das mit manchem Exemplar in Bad Schönfließ und Königsberg eine andere Bauweise gemein hat: Viereckiger Grundriss, zinnenbekrönter Wehrgang, achteckiger gemauerter Helm. Vielleicht sogar noch Ecktürmchen. Hatten diese Tore Verwandte in Süddeutschland? Ähnliches ist mir schon in Ingolstadt, Oberbayern, begegnet. Wieso eigentlich nicht - sogar manch kräftiger Einfluss aus Oberitalien lässt sich im einstigen und jetzigen norddeutschen Backsteingebiet entdecken.
Man denke an die Klöster Jerichow bei Magdeburg oder Kolbatz (Kołbacz) nahe Stargard. Wie exotisch mag dies den Menschen im Mittelalter vorgekommen sein, wenn den meisten von ihnen vielleicht schon die heute zurückgelegte Strecke wie eine unglaublich lange Fernreise anmuten mochte. Die Jahrhunderte mit all ihren Wirren sind über dieses stille Fleckchen Erde am nördlichen Rand der Neumark, schon fast im Pommerschen, dahingezogen. Es ist still hier geblieben. Und auch einst mag man solche Sommertage gesehen haben, an denen der kühle Wind die Wolkendecke mit sich weiter nach Osten nimmt und in den Weiden am Wasser rauscht.
Albrecht Neumann, 2007




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